Korruptionsaffäre Ferrostaal

Das nächste Kapitel in der Korruptionsaffäre Ferrostaal: Dem Bericht einer Anwaltskanzlei zufolge sind beim Handelskonzern weltweit 336 Millionen Euro in dunkle Kanäle geflossen - auch ein Vertreter von Gaddafis Regime soll geschmiert worden sein. Dafür will der Aufsichtsrat mehrere Ex-Manager zur Rechenschaft ziehen - sie sollen für die entstandenen Schäden haften.

Seit drei Jahrzehnten ist der vor allem im Großanlagenbau tätige Konzern Ferrostaal mit dem Staat Libyen im Geschäft. Als in Berlin vor ein paar Jahren eine Ausstellung naiver libyscher Kunst gezeigt wurde und dazu ein Hochglanzkatalog erschien ("Die Wüste schweigt nicht"), förderten die Essener zusammen mit anderen deutschen Firmen die Libyen-Kunst durch eine großzügige Spende.

Ein Akt der Höflichkeit, und nebenbei eine Referenz an den Herrscher. Ausgestellt wurden auch Werke eines Sohns des Despoten Muammar al-Gaddafi. Der Filius hatte seinen Vater als "einzigartigen Adler" im Kampf gegen die Bösen aus dem Westen gemalt.

In Deutschland blieb es bei Nettigkeiten, die aus heutiger Sicht politisch unkorrekt wirken. In Libyen, wo Ferrostaal im Schnitt jährlich etwa hundert Millionen Euro Umsatz macht, soll es zu mehr gekommen sein - zu juristisch unkorrekten Spenden. Ferrostaal soll zwischen 2000 bis 2005 libysche Offizielle aus mehreren Staatsunternehmen und sogar einen Regierungsvertreter mit Bargeld ausgestattet haben, teils direkt, teils über Bekannte.

2007 soll ein Berater einer Staatsfirma kassiert haben. Und so weiter. Das alles steht in einem Untersuchungsbericht der US-Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton über unsaubere Geschäfte bei Ferrostaal. Den Prüfreport hatte der Aufsichtsrat der Handelsgesellschaft, die lange Teil des MAN-Konzerns war, in Auftrag gegeben.

Die einzelnen Beträge, die laut Debevoise in Libyen gezahlt wurden, sollen nicht groß gewesen sein, zwischen einigen tausend und mehreren zehntausend Euro. Doch die Gesamtsumme ist beträchtlich: rund zwölf Millionen Euro, davon zwei Millionen definitiv Schmiergeld, so Debevoise. Der Rest fällt unter die Rubriken "dubios" (Korruptionsverdacht) und "zweifelhaft".

Und das sind keine Einzelfälle. Insgesamt ist die US-Kanzlei bei dem Konzern, der Produkte und Projekte deutscher Firmen ins Ausland vermittelt und wie eine Art Außenhandelsstelle der heimischen Wirtschaft wirkt, auf fragwürdige Zahlungen in Höhe von 336 Millionen Euro gestoßen. Oft wurde das Geld laut Prüfbericht mittels Tarnfirmen und Scheinrechnungen transferiert. Eine Affäre beträchtlichen Ausmaßes, inklusive Schmiergeld-Deals mit Regimes wie dem von Gaddafi.

Viele Monate lang hat Debevoise das Ausmaß der globalen Korruption und Landschaftspflege bei Ferrostaal in den Jahren von 1999 bis 2010 vermessen. Die Anwälte konnten auch Akten der ebenfalls in dieser Causa tätigen Münchner Staatsanwaltschaft einsehen. Im Frühjahr legte Debevoise den abschließenden Prüfbericht vor: 189 Seiten stark plus Anhänge, und natürlich vertraulich.

Bislang sind nur einige wenige Zahlen bekannt geworden. Knapp neun Millionen Euro Schmiergeld, dazu 81 Millionen Euro verdächtige Zahlungen, hieß es zunächst. Das klingt nicht wirklich schlimm. Etwa so viel habe Ferrostaal die eigene Prüfung der Causa gekostet, meinten einige Wohlmeinende. So sollte die Affäre wohl verharmlost werden.

Die Lektüre des bislang unveröffentlichten Berichts vermittelt einen anderen Eindruck. Seit 1999, als in Deutschland die Auslandskorruption unter Strafe gestellt wurde, seien weitere 246 Millionen Euro an fragwürdigen Zahlungen in alle Welt erfolgt. Warnsignale ("rote Flaggen") seien missachtet worden.

Das Geld hätte demnach so nicht fließen dürfen. Insgesamt 336 Millionen, das ist für einen Konzern, der keine zwei Milliarden Euro Jahresumsatz erzielt, eine ganze Menge. Unschön ist auch, dass dem Prüfbericht zufolge auch etliche Regierungen und Behörden bedacht wurden. Es stinkt aus vielen Kanälen.

Die Affäre könnte am Ende ein deutsches Traditionsunternehmen, das schon seit 1920 besteht, in die Nähe des Abgrunds bringen. Ferrostaal könnte ins Wanken kommen, weil das Handelsgeschäft auf dem Vertrauen der Kunden basiert und weil Schlagzeilen über Korruption dieses Fundament zerstören. Selbst nach der Aufdeckung des Siemens-Skandals im Jahr 2006, der eine Zeitenwende war, sollen Mitarbeiter der Essener Handelsgesellschaft noch geschmiert haben.

Da sind ja nicht nur die amerikanischen Prüfer und die deutschen Staatsanwälte - und wohl Steuernachzahlungen in Höhe von offenbar 180 Millionen Euro für falsch verbuchte Betriebsausgaben. Die Anteilseigner MAN (30 Prozent) und der arabische Staatsfonds IPIC (70 Prozent) bekriegen sich wegen der Folgelasten der Affäre.

Einige Geldhäuser werden nervös. Hausbanken haben, wie in Konzernkreisen bestätigt wird, Kreditgarantien für Anlageprojekte in Höhe von 300 Millionen Euro nicht mehr gewährt. Weil die beiden Aktionäre zerstritten sind, kann Ferrostaal die notwendigen Sicherheiten für solche Geschäfte selbst kaum aufbringen.

Es ist nicht mehr auszuschließen, dass die Staatsanwaltschaft Ex-Vorstandschef Matthias Mitscherlich anklagt. Er war bis 2010 im Amt und soll zu wenig getan haben, um Auslandskorruption zu verhindern. Erstmals könnte in solch einer Causa ein langjähriger Konzernchef vor Gericht kommen, anders als bei Siemens und Daimler, Telekom und MAN. Mitscherlich bestreitet die Vorwürfe, wie Vertraute von ihm berichten. Er habe alles getan, um Unsauberkeiten zu verhindern. Der Debevoise-Bericht spiegele nicht die Realität wider.

Ferrostaal sieht das anders. Der Konzern bereitet Schadenersatzforderungen vor. Mitscherlich soll zusammen mit einem ehemaligen Vorstandsmitglied 40 Millionen Euro entrichten. Auch viele andere Ex-Manager sollen zahlen. Der Aufsichtsrat, der gegen Mitscherlich & Co vorgeht, stützt sich auf den Debevoise-Bericht. Die Prüfer behaupten, Ferrostaal sei teilweise mehr wie eine Art Geheimbund als wie ein modernes, international agierendes Unternehmen geführt worden.

Die bei Verdachtsfällen intern angeordneten Prüfungen hätten nur den Zweck gehabt, Ferrostaal "reinzuwaschen". Es sei dem alten Vorstand angeblich nur darum gegangen, sich selbst zu schützen. Die offizielle Firmenpolitik ("wir schmieren nicht") sei nur ein Lippenbekenntnis gewesen. Mitscherlich hat diese Darstellung wie auch andere Vorwürfe bereits als schlichtweg falsch zurückgewiesen.

Ob sich der härteste Vorwurf der US-Anwälte bewahrheitet oder als falsch herausstellt, müssen wohl die Staatsanwälte herausfinden. Mitscherlich und seine Kollegen, so steht es im Prüfbericht, hätten nach einer ersten Razzia im Mai 2009 versucht, die Angelegenheit zu vertuschen.

Gegen eine vom Aufsichtsrat beschlossene Untersuchung sei "beträchtlicher Widerstand" geleistet worden. Ferrostaal habe sogar Nachforschungen im Ausland verboten - etwa in Südafrika, obwohl das unbedingt nötig gewesen wäre. Nun hat Debevoise dort nachgeschaut und ist wie andernorts auch auf fragwürdige Geldtransfers gestoßen. Allein in Südafrika geht es um 36 Millionen Euro.

Autoren: Hans Leyendecker und Klaus Ott

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sueddeutsche.de,
14.07.2011

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