Der Ordnungshüter

Eine Spielernatur ist Rainer Buchert nicht, eher schon verlässlich und bodenständig, aber nicht bieder. Das überdimensionale Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel auf dem Tisch hat er von seinem Vorgänger in der Anwaltskanzlei im Frankfurter Westend geerbt. „So richtig abgestaubt wurde das auch nicht“, meint er verschmitzt und fährt mit dem Finger um die eher folkloristisch anmutenden Figuren.

Buchert war und ist ein Ordnungshüter- im wahren und respektvollen Sinne des Wortes. Auch wenn er die Polizeiuniform, mit der seine berufliche Karriere 1967 in Hessen begann, längst abgestreift und gegen die Robe eines selbstständigen Anwalts getauscht hat.
Damit nicht genug. Seit gut fünf Jahren versucht er bei der Deutschen Bahn AG als Ombudsmann in Sachen Korruption für Ordnung zu sorgen – mit Erfolg, wie ihm viele bescheinigen. Und da er auch davon überzeugt ist, dass der Job, vertrauliche Informationen von Beschäftigten und Geschäftspartnern des Konzerns entgegenzunehmen und sie zu ergründen, etwas bringt, hat er kürzlich auch die Aufgabe als Ombudsmann bei Volkswagen angenommen.

Vermintes Terrain, den seit Sommer vorigen Jahres schwelt bei Europas größtem Autobauer eine schmierige Affäre, deren Ausmaße jetzt schon immens, aber längst nicht absehbar erscheinen. Und da Volkswagen nicht irgendein Konzern ist, sondern ähnlich wie die Bahn auch ein politisches Unternehmen, sind Konflikte und Schwierigkeiten programmiert.
Gerade das reizt Buchert: Knifflige Fälle zu lösen, dabei oft auf Achse sein, mit Menschen zu reden, Ihnen aber auch zuzuhören. Das beherrscht der erfahrene Jurist. Buchert mag zwar bodenständig sein – „ich wohne heute noch in dem Haus, wo ich geboren bin“, meint der Vater von drei Kindern. Aber er hasst ermüdenden Trott, lässt keine Langeweile zu.

14 Jahre beim Bundeskriminalamt – wenn auch in verschiedenen leitenden Funktionen – muten allerdings nicht gerade prickelnd an. „Von wegen“, meint Buchert und bekommt geradezu glänzende Augen.
Denn damals arbeitete er in der Rauschgift- und Terrorbekämpfung, bekam die Entführung des früheren Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer im Jahr 1977 mit. „Ich bin viel im Ausland herumgekommen.“ Nicht etwa nur um die Ecke, in die Schweiz oder Österreich, sondern unter anderem nach Asien. Buchert war der erste leitende BKA- Beamte, der in Burma Kontakt zu dortigen Rauschgiftbekämpfern aufnahm, kein leichtes Unterfangen in der notorisch unkooperativen Militärdiktatur.

Rechtes Gedankengut liegt ihm fern, lehnt er ab, genauso wie Fanatismus und Gewalt, egal welche ideelle und politische Einstellung dahinter steht. „Willy Brandt ist eine Art Vorbild für mich.“ Der Sozialdemokrat war irgendwie auch Schuld daran, dass Buchert in die SPD eintrat- „wegen der Ostpolitik, die Brandt vertrat“.

Beeindruckt und geprägt haben ihn aber vor allem seine Eltern: Hauptsächlich die Mutter, weil sie in schwierigen Zeiten stark blieb. Aber auch der Vater, ein einfacher Mann, von Beruf Schreiner, der bei Opel arbeitete. „Ein sehr gradliniger Mann, was ich als Sohn manchmal schmerzhaft zu spüren bekam“, wie Buchert, das Einzelkind, sagt. Die fast zärtliche Wärme, die bei diesen Worten aus seiner Stimme herausklingt, lässt allerdings alles andere als Züchtigung durch den Vater vermuten. Die gewissermaßen geerbte Geradlinigkeit ist es auch, die Buchert zur Polizei, zum Studium der Rechtswissenschaften mit Schwerpunkt Strafrecht, dem juristischen Beruf und letztlich zur Korruptionsbekämpfung geführt hat.
Nicht ganz. Denn eigentlich schreibt er auch gerne. Er verdiente sich jahrelang als freier Mitarbeiter der Frankfurter Neuen Presse seine Brötchen: „Ich habe alles außer Sport gemacht.“
Die Arbeit als Journalist hätte ihn schon gereizt. „Aber damals war das zu unsicher“, bekennt Buchert. Und überdies hatte er damals schon - als allein erziehender Vater – ein Kind mit zu ernähren. Buchert ist eben kein Spieler, kein Hasardeur. Übel mitgespielt wurde ihm in seinem Leben allerdings auch schon: Als er 1999 als Polizeipräsident von Offenbach in den Ruhestand geschickt wurde, geschasst aus politischen Gründen. Das rote Parteibuch passte der neuen schwarz-gelben Landesregierung unter CDU-Ministerpräsident Roland Koch nicht. Dabei kehrte er seinen sozialdemokratischen Hintergrund bei der Arbeit nie hervor, wie ihm selbst CDU – Politiker bescheinigten.

Vielmehr erledigte er seine Arbeit – loyal gegenüber seinem Dienstherrn – mit großen Erfolgen in der Verbrechensbekämpfung, was ebenfalls niemand in Zweifel stellte. Buchert bleibt heute noch loyal, wenn er über diese Zeit spricht. Aber: „Es war schon seltsam, plötzlich am nächsten Tag nicht mehr arbeiten gehen zu dürfen, ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein.“
Buchert verabscheut Verlogenheit und hält politische Geradlinigkeit für einen Wert, den es zu verteidigen gilt. Daran mag es wohl liegen, dass er sich nun gleich zwei nicht ganz einfachen Jobs – dem Kampf und dem Vereiteln von Korruption - verschrieben hat. Auf die Tagespolitik ist er in diesem Zusammenhang nicht immer gut zu sprechen.

Denn deren Einsatz lässt auf diesem Gebiet sehr zu wünschen übrig, wie er findet. Und das meint er parteiübergreifend. Dass zum Beispiel nicht längst Ombudsleute auf Länderebene eingesetzt wurden, bezeichnet er als großes Manko. „An den Kosten liegt es sicherlich nicht“, sagt er wieder ganz verschmitzt. „Wenn man einen Briefkasten aufhängt, könnten ja auch Informationen eingehen. Vielleicht fürchten das manche.“

Buchert hat das Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel in seiner Kanzlei im Frankfurter Westend zwar nur geerbt. Irgendwie passt es aber dennoch zu ihm – und deshalb steht es nach wie vor auf dem Tisch im Büro. „Ich ärgere mich nie länger als fünf Minuten“ – jedenfalls meistens nicht.

Autorin: Christine Skowronowski

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Frankfurter Rundschau,
17.03.2006

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